Meldungen von unterwegs!
Mittwoch, 21.11.2001
Schiffspositon N 28° 07,8 / W 15°25,5 (Hafen Las Palmas)
Die Vorbereitung hat begonnen
Seit fünf Jahren hat Las Palmas nicht mehr solche starken Gewitter und Regenschauer erlebt. Unwetterwarnung schon im Flieger. Es schaukelt beängstigend.
An Land bläst der Wind mit sieben aus Südwest. Schöne Welle... Aber es sind 20 Grad, also kurze Hosen angesagt. Ziemlich leer die vielen
Hafenrestaurants.
Die Begeisterung der übrigen Regattateilnehmer hält sich etwas in Grenzen, mussten doch schon am Nachmittag schon die ersten Yachten von der Mole geborgen werden.
Keine Sorge, die SHERIA liegt gut vertäut an Steg 17. Alle haben die erste Nacht nach einem kleinen Begrüßungstrunk tief und fest geschlafen.
Im Moment heißt es: Einkaufslisten checken, die Technik auf Vordermann bringen, Sicherheitskontrollen durch die ARC-Leitung über sich ergehen lassen... Großes Lob von dort bekommen: Anne
hat sogar unsere Namen auf die Rettungswesten gebügelt... Es gibt noch genug zu tun, bis am Sonntag um 13.00 Uhr das Startsignal fallen wird.
Björn und Andreas kämpften hartnäckig mit der Konfiguration der
Mail-Verbindung, die unsere Basis für das Online-Logbuch sein wird. Da wird selbst das Frühstück unwichtig. Erst mal muss heute ein Kaffee reichen. Nachher geht´s ins Internetcafe und heute Abend standesgemäß zur Piratenparty. Da gibt´s dann auch ein ordentliches Steak...
Heute Nachmittag rechnen wir noch mit der Ankunft von Petra, Norbert und Georg, dann ist die SHERIA-Crew komplett.
Donnerstag, 22.11.2001
Schiffsposition N 28°07,8 / W 015° 25,5 (Hafen Las Palmas)
Tag der Großeinkäufe
Schon beim Munterwerden registrierte man halbwach, irgendetwas war anders, irgendetwas fehlte: Der Wind war weg, das Pfeifen in den Wanten und Flaggen war verschwunden.
Dafür wurde die Kajüte von Sonnenlicht durchflutet, was uns sofort veranlasste, ein gemütliches Frühstück im Cockpit vorzubereiten.
Der Tag der Großeinkäufe sollte es werden. Für 8 Personen und reichlich drei Wochen waren Verpflegung und Getränke zu besorgen, anzuliefern und - das Wichtigste - zu verstauen.
Einen kleinen Auszug aus unserer Einkaufsliste gibt es am Ende des Logbucheintrages.
Freundlicherweise lieferte der Supermarkt den Inhalt von 9 großen Einkaufswagen bis an den Steg, was uns das Transportproblem sofort löste. Der Kassenzettel war immerhin 2,5m lang.
Am späten Nachmittag konnten wir erleichtert feststellen: Alles ok, wir liegen im Plan.
Neben angeregten Diskussionen über erhoffte Windrichtungen und -stärken wurden die restlichen kleinen Reparaturen durchgeführt, das Dingi verstaut und die ersten Wassertanks gefüllt.
Uns bleibt bis zum Sonntag nicht mehr allzu viel zu tun. Auf den "to do"-Listen stehen noch solche Nebensächlichkeiten wie Friseur, Großsegel anschlagen und Sicherheitschecks.
Was uns allerdings etwas beängstigt, sind die "Halbwertszeiten" frischer Salami an Deck, die im Moment bei 10 Sekunden liegen....
Hier der versprochene Auszug aus der Verpflegungsliste:
- 1500 Liter Wasser in Tanks und 200 Liter Wasser in Flaschen
- 10 kg Mehl
- 5 kg Reis
- 6 kg Nudeln
- 15 kg Kartoffeln
- 20xButter
- 10xThunfisch
- 10 Feuerzeuge
- 40 Toilettenpapierrollen
- 10 kg Zwiebeln
- 4 kg Limetten
- 36 Liter Milch
- 10 kg Käse
- 148 Eier
- 6 Flaschen Rum
- 10xKaffee
Die Summe und der Ort der eingelagerten Nougatpralinen werden aus taktischen Gründen nicht öffentlich preisgegeben.
Freitag, 23.11.2001
Schiffsposition N 28°07,8 / W 015° 25,5 (Hafen Las Palmas)
Der Countdown läuft
Die romantische Altstadt von Las Palmas mit ihren historischen Kirchen und Kathedralen hatte uns gestern Abend in ihren Bann gezogen. Nach einem üppigen Abendessen bei "El Herreno" konnten wir den Atem der alten Seefahrer in den kleinen Gassen förmlich spüren. Staunend und beeindruckt standen wir vor Zeugnissen alter spanischer Baukultur.
Heute Morgen hatte uns die Schiffsrealität wieder eingeholt. Immer noch waren Lebensmittel und frisches Obst und Gemüse zu stauen, wird fieberhaft nach der letzten freien Bilge gesucht.
Lange Proviantlisten sind unsere Orientierung, um auch bei schwerer See das Notwendige zu finden.
Björn hatte sich derweil Tauchmaske und Atemgerät aus der Backskiste geholt. Dem Unterwasserschiff galt eine letzte Inspektion.
Mit einer blanken Außenhaut werden wir die entscheidenden Zehntelsekunden aus der SHERIA "herauskitzeln".
In der Marina herrscht an allen Stegen emsiges Treiben, zwei Regattaboote liegen sogar noch auf dem Trockendock.
Auch bei uns macht sich das Gefühl breit, so langsam könnte es losgehen. Der Countdown läuft.
Samstag, 24.11.2001
Schiffsposition N 28°07,8 / W 015° 25,5 (Hafen Las Palmas)
Last Minute Jobs
Lass Palmas verabschiedet sich mit seiner besten Seite: Sonne und blauer Himmel. Nur ein bisschen mehr Wind könnte es sein, doch bis morgen Mittag kann ja noch viel passieren.
Nach drei Stunden Anstehen konnten wir ausklarieren, die erste Wäsche ist gewaschen, eine gründliche Sicherheitsbelehrung hinter uns gebracht.
Björn und Norbert kletterten zur Kontrolle in den Mast, das Großsegel ist inzwischen auch angeschlagen.
Während beide beim letzten Meeting der Regattaleitung sind, trocknet das Silikon an einigen vorher undichten Fugen.
Ausgiebiges Duschen ist angesagt, wer weiß, wann das nächste Mal die Brause verwendet werden kann...
Das ist unsere letzte Meldung vom festen Land. Ab morgen gibt es unsere Einträge vom Atlantik, so die Technik auf Kurzwelle und Kielradio mitspielen.
Lasst uns segeln!
Sonntag, 25.11.2001
Schiffsposition N 28°07,8 / W 015° 25,5 (Hafen Las Palmas)
Phantastischer Start: 250 Yachten, Sonne, Wind 4 bis 5 und Welle ein
bis zwei Meter. Begeisterung rundum, als von der Sheria der Triumpfmarsch aus Aida ertönt. Hunderte winken von der Mole.
Zwar blieb dann die Sonne, Welle und Wind wurden aber zusehends
mehr. Nach einer Stunde hatten wir schon weit über 150 Segler hinter uns.
Vor uns nur die Flotte mit Blister. Unser hielt dem Wind 20 Minuten stand. Schade, er sah schön aus. Björns Versuch, telefonisch noch einen zu ordern, schlug fehl. Egal, wir sind auch ohne vorn: Durchweg 7 bis 8 Knoten, Wind 25 bis 30 Knoten.
Gegen 16.30 Uhr zwei Reffs in Groß und Genua. Hinter uns knallt ein
Passatsegel runter, kein Blister mehr oben rundum. Überhaupt zerreißt das Feld sagenhaft schnell. Zwei, drei Yachten sind gegen 18 Uhr noch in Blickweite.
Kerstins Kartoffelsuppe geht schlecht. Gerade vier Abnehmer. So richtig gut geht´s sowieso bloß noch Björn, Norbert und Kerstin.
Der Mond steht am Himmel. Unheimlich viele Sterne. Gegen halb zehn zwei Delfine. Kabbelige See, alte Dünung. Über 60 Seemeilen haben wir schon geschafft.
Montag, 26.11.2001
Schlafen ist nicht. Trotz des dritten Reffs im Groß 9 Knoten. Gegen halb vier eine Halse bei Wind 7. Welle vier Meter.
Schöner Sonnenaufgang. Genießen können ihn nur Norbert, Björn, Georg und Kerstin. Alle anderen versuchen sich in der Waagerechten. Frühstück : eine Banane für die Aufrechten.
Querab ein Flugzeugträger im Schlepp. Wir gucken ihn uns mal aus einer sm von vorne an. Wahrscheinlich hat der Kapitän seinen Kaffee vor Schreck stehenlassen.
Die Schiffsposition um 12.00 UTC war 26° 05´N, 016° 13´W.
Etmal 178,5 sm.
Die anderen Teilnehmer hatten auch eine interessante Nacht:
2 Kollisionen mit Walen - aber ohne ernste Schäden, sowie ein gerissenes Großsegel.
Die Crew der SHERIA ist inzwischen wieder wohl auf!!
Dienstag, 27.11.2001
Pos 12.00 UTC 25°40´N, 019°37´W
Etmal 192 sm
Mond und drei Delfine in der Nacht, Sterne und immer um die acht Knoten. Die Sheria liegt Klasse im Wasser. Morgens Obstfrühstück, Sonne. Die Wellen sind etwas weniger geworden. Inzwischen haben fast alle schon mal am Ruder gestanden - sind eine gute Crew. Nachmittags bei über 20 Grad: It´s shower-time! Einer nach dem anderen genießt das Salzwasser. Wie neugeboren. Jetzt kann der Urlaub losgehen. Und was das Beste ist: Georg am Ruder überholt einen Segler nach dem anderen.
Mittwoch, 28.11.2001
Pos 12.00 UTC 25°20,8´N, 022°28´W
Etmal 170,4 sm
Sind doch etwas fassungslos: Haben super Etmale, es läuft, aber bei der täglichen Runde um 13 Uhr über Sprechfunk hören wir, dass soooo viele schon viel weiter vorn sind. Aber die meisten segeln weiter südlich oder westlich, wir nehmen eher den Weg durch die Mitte: Bei Kurs 255 Grad, den wir nach der zweiten Halse halten, liegt unser Ziel genau voraus.
Wir hatten uns ja vorgenommen, ganz locker und entspannt zu segeln, so etwa 140 sm pro Tag. Aber irgendwie ist unser Ehrgeiz jetzt doch angestachelt.
Trotzdem bleiben unsere beiden Skipper ganz ruhig und gucken zuallererst auf Sicherheit: Eher reffen als Segel ausfahren. Selbst mit drei Reffs machen wir noch sieben bis acht Knoten.
Pünktlich um 12 Uhr Mittags bedenkt Björn wie jeden Tag Rasmus, den Gott des Windes, mit einem Schluck Rum ins herrlich blaue Wasser und einem coolen Spruch, bei dem man sich nur noch den Bauch vor Lachen halten kann. Naturtalent.
Wir stecken mitten in einigen Regenschauern, werden schön nass. Andreas fängt voll die Flaute ab während seiner Wache. Wir gehen immer zu zweit je drei Stunden, Björn und Norbert sind nachts je vier, am Tag je sechs Stunden im Einsatz und machen all die unangenehmen Sachen wir reffen zum Beispiel Fliegende Fische. Einer springt Petra am Ruder direkt ins Cockpit.
Zum Abendbrot den Rest Spagettis mit Ei. Und Petra, Norbert und Kerstin schlachten zur Feier des Tages eine Tafel Schokolade mit Nüssen.
Donnerstag, 29.11.2001
Pos 12.00 Uhr UTC 23°01´ N, 24° W
Etmal 169,1 sm
Wir haben die erste Zeitzone überschritten, sind jetzt zwei Stunden
früher dran als zu Hause. Wieder traumhafter Sternenhimmel und Vollmond, Andreas hat mit kurzen Hosen die 6-Uhr-Wache durchgehalten. Es ist echt schön warmer Wind. Wir haben den Passat erwischt.
Björn und Norbert haben den Blister ersetzt durch eine
Sonderkonstruktion - sieht aus wie Schmetterling, aber ist stabiler. Und wir machen damit durchweg über 7 Knoten, obwohl der Wind nur noch um die 10 pendelt.
Gute Nachricht beim mittäglichen Rundruf: Sturm Olga hängt auf Kuba und wird es nun wohl doch nicht zu uns schaffen. Einige Segler hatten
gestern schon laut nachgedacht, ob sie ein paar Tage auf den Kapverden abwarten sollten. Aber nun ziehen wir die Sache durch. Etmal heute wieder über unserem Soll.
Was ganz Klasse ist, wir haben die erste Mail von Martin, unserem
Spannemann zu Haus bekommen. Er übernimmt die Mails von Kielradio und stellt sie dann auf unsere Internetseite - wenn sie denn bei Kielradio ankommen. Was sie nämlich bislang nicht tun. Und was wir auch echt Scheiße finden.
Aber ansonsten geht’s uns Klasse, haben wieder geduscht im Meer und heute Abend wollen sich Georg und Jörg ums Essen kümmern: Ratatouille...
Freitag, 30.11.2001
Position um 12.00 UTC: 22°06,6´N 026°42´W
Etmal 163,9
Erster Brotbackversuch auf SHERIA: Misslungen. Leider haben wir statt Mehl zum Backen von Brot etwas gekauft, das zwar so heißt und so aussieht, aber leider dem Ofen gegenüber eine gewisse Resistenz aufweißt. Erst geht es nicht auf und schupps, schon haben wir Zwieback.
Erster Angelversuch: Sowohl Jörg als auch Björn packen Ihre Ruten aus und baden die Köder. Erfolg ..... ein Gewinn an Erfahrung. Zum Abendessen gibt’s dann eben Ratatouielle. Als Nachspeise zaubert uns der liebe Georg seine einzigartige "Zabayone al Atlantik". Wir sind wohl das einzige Boot der ARC mit einer solch erlesenen Creme.
Nachdem wir den Schmetterlingskurs jetzt für 36 Stunden uns und dem Rigg zugemutet haben, sind wir wieder auf Backbordbug gehalst und steuern nun bei NE 4-5 mit Kurs 274 auf dem Großkreis in Richtung St. Lucia Keine 20 Meter von uns zieht eine rostige rote Öltonne ihre Bahn. Die nachts bei acht Knoten vor den Bug - da hört der Spaß auf
Samstag, 01.12.2001
Pos 12.00 Uhr UTC 21° 07´N, 29° 13´W
Etmal 160,7
Die Fische im Atlantik sind echt aggressiv: Erst haben sie Jörgs
wunderschönen Blinker abgerissen - er hatte es ohne Stahlvorfach versucht. Aber auch Nummer zwei mit Stahlvorfach wurde einfach so abgebissen. Müssen ja Riesen-Teile am Haken gewesen sein. Fällt Baden für uns bei möglicher Flaute doch aus?
Also jedenfalls wieder keine Fischmahlzeit. Dafür beginnt Jörg, Möhren zu putzen für Möhren-Gnocci. Das hört sich wunderbar toll an und findet auch allgemeine Zustimmung. Allein Georg streikt. Er als gelernter Koch weiß, was das für Arbeit macht. Als Jörg dann am Verzweifeln ist, lässt Georg das Ruder dann aber doch los und kocht: Unsere Gourmet-Küche lässt auch die letzte Hoffnung aufs Abnehmen schwinden. (Bis auf Anne und Georg könnten wir das alle vertragen).
Arbeit gab’s auch: Nachdem in der Nacht mehrfach die Segel umgeshiftet bzw. gerefft werden mussten - schlafen kurz nach Mitternacht eine echte Tortour -, kurz nach Mittag noch mal shiften. Groß und Genua komplett runter und tauschen. Müssen kurzzeitig bei bestem Wind motoren. Zum Glück keiner in der Nähe. Gestern Abend übrigens kam uns ein Geistersegler bis auf 200 Meter nahe. Der fuhr echt ohne Licht und war auf Enterkurs. Björn hat ihn auf Kurzwelle angefunkt. Bei dem Holländer gab’s gerade Bananensplitt zum
Abendbrot. Zog dann mit ausgestreckten Flügeln weiter. Hinter uns. Wie überhaupt ziemlich viele. So schlecht scheinen wir gar nicht zu liegen im Regattafeld, obwohl wir es so easy nehmen - duschen, lesen, sonnen - sind alle schon urlaubsbraun - und nicht zu vergessen: Wir haben ja keinen Blister mehr. Der würde uns mindestens zwei Knoten mehr bringen...
Sonntag, 02.12.2001
Pos um 12.00 Uhr UTC 20°21´N, 32°21´W
Etmal 188 sm
SHERIA als Rennyacht getestet. Einwandfrei. Surfen mit drei, vier Meter hohen Wellen, Mondschein, keine Wolke, einfach traumhaft. Nachts um die 20 Grad, tags gut 30 Grad Celsius. Auch das Wasser hat weit über 20. Kaum vorstellbar, dass heute zu Hause der 1. Advent ist. Angeln immer noch ohne Erfolg. Wahrscheinlich sind wir zu schnell??
Für die Nacht ist Stress angesagt. Exakt vor uns läuft eine Ruder-Regatta quer über den Atlantik. Natürlich ohne jegliche Lampen oder
Radarreflektoren. Und das bei dem Wellengang. "Wenn die mir vor den Bug kommen, gibt’s Hackfleisch!" warnt ein Skipper mit etwas stärkerem Bug...
Montag, 03.12.2001
Pos um 12.00 Uhr UTC 19°23´N, 35°27,5´W
Etmal 190,4 sm
Kurz nach Wachwechsel um drei Uhr zwei weiße Raketen steuerbord. Ruderboot? Notfall? Ein Ire hat sie etwas näher dran, geht auf Funk. Björn bestätigt.
Beide drehen in die Richtung, suchen. Aber es ist nichts mehr zu erkennen. Vielleicht hat sich ja doch einer einen Jux gemacht. Wir gehen wieder auf Kurs und steuern auf unser bestes Etmal zu.
Der Morgen ist herrlich, die Sonne brennt. Jörg ist fertig: Die Monster
unterm Kiel haben glatt sein Stahlvorfach abgebissen. Mit ihm den
wunderschönsten Whoppler für über 20 Mark.
Kurz nach Mittag: Wir haben noch 1492 Meilen vor uns: 1492- da entdeckte Kolumbus Amerika. Björn legt den "Fliegenden Holländer" ein.
Das Problem: Zwar sind alle stolz, wie schnell wir sind - und vor allem, dass wir die erfahrene Carpe Diem-Crew schon in greifbarer Nähe haben. Aber irgendwie heißt die nahende Halbzeitfete heute Abend auch, dass es bald ein Ende hat mit dieser Idylle: Das weite blaue Meer und niemand sonst, nur unsere Segel.
Andreas spricht heute Rasmus mit einer neuen Flasche Rum gut zu - dass der Passat so lange so stabil und so gnädig bläst, dürfte doch etwas außergewöhnlich sein.
Jörg unternimmt einen neuen Brotbackversuch. Die frischen Sachen sind inzwischen bis auf zwei Paprikaschoten aufgebraucht. Eine ganze Menge musste über Bord. Das frische Fleisch zum Beispiel, Tomaten... Warum haben wir uns bei der Einkaufsliste eigentlich nicht an die von Wilfried Erdmann angelehnt? Sein Buch: "Der unmögliche Törn" wird gerade verschlungen.
Dienstag, 04.12.2001
Pos 12.00 Uhr UTC 18°58,7´N, 038°26´W
Etmal 177 sm
Entscheidend sind beim Aufstehen nur noch zwei Sachen: Wie ist der Wind? Was macht die Welle? Vielleicht, dass man sich noch Gedanken darüber macht, was es heute zu essen geben soll. Ein Zeichen, dass wir so richtig ausspannen? Selbst Björn gibt den Anflug eines Urlaubsgefühls zu.
Wir haben aber auch einfach nur Glück mit dem Wetter, mit der Crew. Mit den Wachen - alle drei Stunden wechseln sich Anne und Georg, Petra und Jörg sowie Andreas und Kerstin ab - läuft es problemlos, wir wollen auch in der 2. Halbzeit zusammen auflaufen. Björn und Norbert haben da eher so ein bisschen die A-Karte gezogen, sie kommen erheblich weniger zum Schlafen.
Heute Nacht beispielsweise, eine Viertelstunde vor Wachwechsel kam völlig aus der Kalten ein Schauer, der Norbert, Andreas und Kerstin bis auf die Knochen durchweichte. Björn hatte eigentlich Schlafzeit - stand aber sofort an Deck und half.
Ansonsten - wieder kein Fischbiss. Jörg nimmt das Stahlvorfach jetzt
vierfach. Zum Abend-Dinner gab’s hervorragenden Kartoffelauflauf von Jörg. Anschließend ein Glas Wein bzw. Bier für die fertige Wache bei Musik von Boccelli und Sternenhimmel. Phantastisch: Im Kielwasser der Sheria Meeresleuchten - tausende kleine Sterne. Soll eine Algenart sein.
Mittwoch, 05.12.2001
Pos 12.00 Uhr UTC 19°00´N, 041°17,7´W
Etmal: 167,5 sm
Wieder so einer von den ganz heißen Tagen. Gestern hatten wir schon das Bimini-Dach über das Deck gezogen, darunter lässt es sich gut aushalten.
Trotz des immer schwächer werdenden Windes (so bei sechs bis zehn Knoten) sind wir unseren heimlichen Gegnern von einem gleich großen Schiff bis auf acht Stunden auf die Pelle gerückt (Die waren sich vor dem Start in Gran Canaria ziemlich sicher, vor uns anzukommen!) Die Segel klacken fast nur noch, auch wenn man sich sooo große Mühe gibt, die 270 Grad im Schmetterling sauber zu steuern. Nach dem Abendbrot - Nudeln mit Käsesauce von Georg und Petra - beschließen wir, den Motor für ein paar Stunden anzuschmeißen, die Segel runterzunehmen. Schreck: Das Großfall ist so
schamfield, dass es beim nächsten Windchen gerissen wäre.
Kaum ist der Motor an: Delfinkinder!
Kerstin springt ganz kurz ins Wasser. Zu groß doch bei allen die Angst vor den Stahlvorfachzerbeißern...
Es zieht von Westen eine ganz eklige Wolkenwand heran. Sieht nach mehr als Regen aus. Aber erst mal treibt uns der Autopilot.
Donnerstag (Nikolaus !!), 6. Dezember 2001
Pos 12.00 Uhr UTC 18°06,6´N, 044°30,3´W
Etmal 168,7 sm (128 unter Motor)
Tief von vorn + Passat von hinten = Flaute
Genau zur rechten Zeit. Denn nach der Überraschung mit dem durchgescheuerten Großfall und einer gebrochenen Umlenkrolle vom Bullenstander will Björn auch alles andere kontrollieren, klettert in den Mast. Und siehe da: Das Genua-Fall sieht nicht besser aus. Für das Material ist so ein Ritt schon eine harte Belastung.
Und noch zwei Vorteile hat die Flaute: Jetzt hält es niemanden mehr auf den Planken - nach Björn, Georg und Kerstin springen auch die letzten Unentschlossenen kurzerhand zum Abkühlen in das tiefblaue,
sonnendurchflutete, mindestens 25 Grad warme Wasser. Es ist traumhaft.
Na und dann: Dank Petra und Björn hat doch tatsächlich der Nikolaus den SHERIA-Salon gefunden! Ein aufblasbarer Tannenbaum versperrt jetzt den Eingang zu Petras und Norberts Koje, quer durch den Salon hängen die Nikolaus-Söckchen. Wir lachen uns beim Auspacken ein Loch in die Bäuche.
Das SHERIA-Gourmet-Studio bietet am Abend von Georg kreierten
selbstgezauberten Kartoffelsalat mit Würstchen und Bier (außer Skipper Björn, der während der gesamten Überfahrt absolut alkoholfrei bleibt).
Nachts die Mutation einer Wolke von der Gewitterwand zum Schäfchen verfolgt. Man bekommt wieder ein völlig neues Verhältnis zur Natur. Entscheidung: nachts motoren oder langsam mit klackenden Segeln durchziehen?
Annes Argument: Wenn wir so spät in S. Lucia ankommen, verpassen wir die besten Feten, entscheidet. Außerdem: Je schneller wir da sind, desto schneller können wir unser Logbuch auch ins Internet stellen. Die Verbindung über Kielradio war ja wohl der größte Reinfall. Die Gedanken an zu Hause kommen immer öfter.
Freitag, 7. Dezember 2001
Pos 12.00 Uhr UTC 17°08,5´N, 046°13,7´W
Etmal 146 sm (102,2 unter Motor)
Am frühen Morgen zieht plötzlich wieder Ruhe ein auf dem Schiff: Nach den langweiligsten Nachtwachen der Motor-Tour - wir haben den dritten Tag keinen Segler gesehen - wo sind die alle? - gehen die Segel hoch. Wind ist wieder da. Wir fahren auf Steuerbord-Bug mit fast sechs Knoten Richtung Südwest.
Müssen sowieso noch rund 150 sm in Richtung Süden, um auf Zielhöhe zu kommen. Nachmittags Container-Alarm: Die Yacht vor uns hat einen gesichtet. Wir treffen ihn nicht.
Jörg gibt die Aktion "Überlistung des Thuns" nicht auf. Er ist absolut
kreativ geworden bei der Wahl seines Köders.
Ansonsten aufräumen angesagt. Norbert ist völlig in Schweiß gebadet. Er hat sein Taschenmesser trotzdem nicht gefunden. Duschen auf der Badeplattform, lesen. Am Himmel eine Menge Zirren, ansonsten Sonne, Sonne, Sonne.32 Grad im Salon, oben an Deck etwas mehr.
Gegen Mittag läuft die erste Yacht der racing division durchs Ziel, hören wir über Funk. Der jüngste Skipper, der jemals gewann. 12 Tage und paar Stunden, also ungefähr die Rekordzeit vom vorigen Jahr. Der muss Etmale um die 300 gelaufen sein... Wir liegen in unserer Schiffsgröße etwa am Ende des ersten Drittels, schätzen wir nach dem täglichen Lagebericht. Na, mal sehen, wie das am Ende aussieht, wenn bei allen die Motorstunden abgezogen sind.
Dem Vernehmen nach soll hier jedes Jahr mächtig gelogen werden...
Pünktlich zum Sonnenuntergang das Dinner: Reis mit Currygemüse.
Vor dem Dunkelwerden wieder ein Reff. Man weiß nie, was die Squalls so mit sich bringen.
Hinter uns entwickelt sich einer prächtig. In Minutenschnelle hat er den Segler schräg hinter uns geduscht, wir schrammen knapp vorbei und können lachen. Die ersten Schwielen vom Ruder-Halten.
Samstag, 8. Dezember
Pos 12.00 Uhr UTC 16°12´N, 048°48´W
Etmal 166,3 sm
Unglaublich: Die Monster unterm Kiel haben Jörgs Vierfach-Stahlvorfach an der Angel einfach weggeratscht. Samt Blei, mehreren Haken und liebevoll gebasteltem Absperrband-Köder. Zwei Stunden zuvor hatte es seine Angel schon völlig zerlegt. Da war wirklich einer dran! Petra und Kerstin können es bestätigen: lang und schmal. 50 Meter vom Schiff entfernt hat er sich aber losgerissen. Hätte Jörg mal doch auf den Kunden im Münchner Angelladen
gehört, der ihm beim Kauf geringschätzig ansah: Sie müssen das Allerstärkste nehmen... Müssen wir zum Abendbrot doch die Thunfischdosen öffnen. Es gibt Salat mit ordentlich Mayo und Pellkartoffeln.
Wir haben am Abend nur noch unter 750 Meilen bis zum Ziel. Es läuft richtig gut. Schiften, reffen, Sternenhimmel, Delfine. Rauschen immer so um die sieben, acht Knoten.
Georg hat heute Jörgs Geschwindigkeits-Sieg getoppt. Er surfte 11,1 Knoten, Jörg hatte 10,9, Kerstin 9,4. Klasse-Welle, etwa drei Meter. Anne hat beim abendlichen Reffen ihr erstes Manöver am Ruder gemeistert.
Sonntag (2. Advent), 9. Dezember 2001
Pos 12.00 Uhr UTC 15°22´N, 051°40´W
Etmal 177 sm
Surf-Tag. Einige Wellen bringen wieder über neun Knoten. Wir sind inzwischen Höhe Trinidad und Tobago, Dominikanische Republik... Unter Deck sind auch nachts 30 Grad. Nicht sehr viele Chancen zum Schlafen. Oben suchen alle den Schutz des Bimini. Am Nachmittag hatte Kiel-Radio allen Schiffen, bei denen die Mail-Übertragung nicht klappt, einen Termin angeboten. Hätten wir gern wahrgenommen. Leider hatten auf der Frequenz gerade zwei Franzosen ein längeres Date. Aber Björn hat schon herausbekommen, dass im Hafen von Saint Lucia ein Internet-Cafe ist. Wird unser erster Weg sein nach dem Anlegen. Zu Hause warten doch hoffentlich schon alle!?
Zum Abendbrot gibt’s heute Chili Con Carne mit frischen Kartoffeln.
Montag, 10. Dezember 2001
Pos 12.00 Uhr UTC 14°37,7´N, 054°39´W
Etmal 183,3 sm
Um uns herum bauen sich mächtige Gewitterwolken auf. Heute Nacht werden wir wohl Stress bekommen. Kein Mond, Wetterleuchten, es ist etwas unheimlich. Wir gehen ins zweite Reff - safety first.
Der Regen kommt aber erst gegen fünf Uhr morgens und trifft wieder mal Norbert. Auch Jörg und Petra sind klatschnass. Genua einrollen, kommen gut durch.
Den ganzen Tag über Wind eine satte sechs, Welle bis zu vier Meter. Wir shiften und fahren bis zum Abend auf einem Bug.
19 Uhr: Wir haben noch glatte 300 sm bis zum Ziel! Sind viel schneller als geplant! Wenn jetzt bis zum Ziel alles so glatt weiterläuft, haben wir es in 17 Tagen geschafft - rund drei Tage schneller als geplant.
Haben gerade "Blue Ship" gelesen und auch in den ARC-Akten geblättert: Saint Lucia soll Weltspitze sein in Sachen Kriminalität. Man sollte den Yachthafen nicht unbedingt allein und im Dunkeln verlassen. Na toll...
Dienstag, 11.Dezember
Pos 12.00 Uhr UTC 13°25´N, 056°51´W
Etmal 158,2 sm
Chaos-Tag statt geruhsamer Vorfreude! Mitten in Jörgs Wache: "Da ist was!" Fisch am Haken! Eine halbe Stunde Kampf: Zu viert wird gezogen, Sehne über die Winsch gelegt, Jörg fliegt fast über die Reling Björns Angel jetzt auch hinüber und mittendrin hat Georg
keine Lust mehr. Was es dann am Ende war, ob Thun oder Barracuda, das wissen wir mangels Fischbuch nicht. Auf jeden Fall hat er mit Weißweinsoße und Reis phantastisch geschmeckt.
Allerdings bekommt Georgs Meisterwerk beim Verspeisen nicht die
Aufmerksamkeit, die ihm gebührt. Am Mast ist die Schiene vom Spibaum herausgebrochen. Und das, wo das nächste Squall schon droht.
Schlechte Erfahrung mit den Wolken haben wir gerade drei Stunden vorher gemacht: Es gießt eine Stunde lang, Windspitzen bis 40 Knoten, Andreas ist am Ruder echt nicht zu beneiden. Norbert und Björn sitzen patschnass in Alarmbereitschaft, Kerstin testet Haarwäsche im Regen, dazu tönen karibische Rhythmen über die Lautsprecher und der Rest der Mannschaft schwitzt sich bei
ein paar Büchsen Bier im Salon halbtot.
Küchenarbeit ist bei dem Wellengang echt eine Prozedur. Zu dritt müssen Georg, Norbert und Andreas ran, um eine Flasche Limettensirup zu öffnen, so fertig sind sie. Limes, ein Gemisch aus Zitronen, Wodka und dem Sirup, soll es morgen beim Einlaufen geben. Wir rechnen gegen Abend damit. Wenn jetzt nicht noch was passiert... Gerade kam die Bratpfanne mit den Fischresten aus
dem Herd geschossen, als Georg zur Feier der Tages Zabaione anrührte. Anne fand oben die Welle zum surfen aber ECHT COOL.
Sind am Abend auf Höhe von Barbados. Wieder pechschwarze Squalls am Himmel.
Wird wohl keine ruhige Nacht. Die early arrival Party in St. Lucia findet ohne uns statt. Bei der nächsten feiern wir dann wohl auch mit (3 x Holz klopfen!!!)
Mittwoch, 12. Dezember 2001
Pos um 12.00 Uhr UTC 143°48,3´N, 059°45,4´W
Etmal 178 nm
Wind in der Nacht in Spitzen eine neun. Die Wellen haben eine Wahnsinns-Kraft. Ein Squall nach dem anderen, zum Glück die meisten nur mit Wind. Norbert und Björn kommen kaum zum Schlafen. Laufen durchweg über sieben Knoten trotz zweier Reffs in beiden Segeln. Alle sind froh, als die Sonne rauskommt.
Immer wieder Blick aufs GPS: Schaffen wir es, im Hellen noch einzulaufen?
13.37 Uhr Björn: Land in Sicht! Schemenhaft die knapp 2000 Meter hohen Vulkane von Saint Lucia. Etwa zwei Stunden später shiften wir, fahren auf Bb-Bug entlang der Insel gen Norden. Sonne brennt, müssen Bimini aufspannen.
Gegen 17 Uhr tauchen hinter uns zwei Segler auf, einer mit Passat, einer mit Blister. Plötzlich Regatta-Fieber. Baumen die Genua noch mal aus. Die lassen wir nicht vorbei! Viertelstunde später: Baum wieder wegnehmen, schießen in vollem Speed in die Bucht. Es ist plötzlich doch dunkel. Blister kommt auf, schneiden ihm klassisch den Weg ab. Scheiße, falsche Einfahrt. Felsen voraus. Das angeblich mit Weihnachtslichtern geschmückte Zielboot vor den Insel-Lichtern nicht auszumachen.
Georg am Ruder gibt noch mal alles. Dingi ohne Licht voraus. Das knallt gleich. Sekunden vorher dreht der ab und Blitzlichter leuchten: War nur der Regatta-Fotograf. Zielboot. Wir haben’s geschafft!!! 18.23 Uhr Ortszeit.
17 Tage, neun Stunden und 23 Minuten Barfuß-Route.
Begrüßung durch die ARC mit Rumpunsch und Obstkorb, feiern mit den beiden Übriggebliebenen von der Carpe Diem, die nun leider doch schon einen knappen Tag vor uns eingelaufen sind. Party an Land, Feuerwerk (nur für uns?)Björn und Georg heben sich die ersten Schritte auf festem Boden noch für morgen auf, Anne testet Hafenwasser, wir schlafen wie die Steine.
Wir sind einfach nur glücklich. Wir hatten Wahnsinns-Glück mit dem Wetter auf dem Atlantik, wir waren eine Super-Truppe. Jetzt wird gefeiert.......
Donnerstag früh: Pier B, Nr. 27.
Björn holt auf. Noch vor dem Frühstück (zwei Baguette und acht Croisson 30 Mark) fünf Büchsen Bier. Frühstück und dann schnell Internetcafe, um den Lieben zu Hause Nachricht zu geben. Bitte, bitte, nicht böse sein, wenn wir wenig anrufen: Es ist Wahnsinns-teuer, Handy-Netz gibt’s hier gar nicht.
Ein Nachsatz noch zum Essen: Wir sind mit unseren Naturalien gut hingekommen, Wasserflaschen hätten mehr sein können, Frischfleisch war Quatsch, wir haben den ultimativen Brottest gemacht: abgepacktes Weißbrot in Scheiben (sehr beliebt für Sandwichs) hat sich bis heute gehalten im Cockpit, ohne zu schimmeln. Also sehr zu empfehlen, wenn einer Chemie mag.
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